Mercedes LP(S) 333 oder Wikings Ehrenrettung

Häufig werden Wikings rundliche Mercedes-LP-Kabinen der schweren Baureihe von Modellbauern mit Unverständnis und Verachtung gestraft. Zu groß sind die formalen Unterschiede zu den allgemein als „richtig“ erachteten Kabinen z.B. der Brekina LP 333 und 334. Hier ist beispielhaft eine entsprechende Modellkritik zu finden.

Vorn Wikings LPS 333, dahinter der LP 333 von Brekina.
Bild: © Friedrich Auffenberg

In diesem Beitrag möchte ich zeigen, daß diese Kritik „zu kurz gesprungen“ ist: zuerst mit Vorbildfotos, dann mit einem genaueren Blick auf die Modelle und abschließend mit einem Maßvergleich.  Leider habe ich an den Vorbildfotos keine Bildrechte, so daß ich diese hier nur verlinken kann.  Falls da jemand was Passendes und die Rechte daran hat, würde ich mich sehr über eine Nachricht freuen!

Beginnen wir zur Illustration des Problems mit diesem Vergleichsbild von Vorbildern und Modellen. Es zeigt in Farbe die Modelle des LP 333 „Tatzelwurms“ von Wiking und Brekina und in schwarz/weiß zwei Vorbildwagen: den LP 333, wie ihn Brekina nachgebaut hat, und den LP 315, dessen Kabine eine erstaunliche Ähnlichkeit zur „falschen“ Wiking-Kabine aufweist — man beachte die Höhen der Seitenfenster und der Frontscheibe ebenso wie die Dachrundung mit aufgesetzten Positionslampen.

Nachlesen bei Regenberg ergibt: die Kabinen des LP 315 wurden damals nicht bei Mercedes, sondern bei Wackenhut gebaut.

Daimler-Benz hat Frontlenker-Umbauten des L6600 stets den Karosserieherstellern überlassen, man hielt diese Bauweise für eine bald wieder überholte Modetorheit. Doch durch die restriktiven Längenvorschriften für Lastzüge sieht man sich 1954 doch gezwungen, auch werksseitig einen Frontlenker-Schwerlastwagen anzubieten. Nachdem der LP315 zunächst dem Export vorbehalten bleibt, kommt er 1955 auch auf den deutschen Markt. Die „Pullman-Kabine“ im Omnibus-Look ist von Wackenhut, Nagold entwickelt worden und wird dort auch zunächst noch gebaut, bis Daimler-Benz die Herstellung in eigener Regie übernimmt.

— Bernd Regenberg, „Die deutschen Lastwagen der Wirtschaftswunderzeit“, Band 2: Mittlere und schwere Fahrzeuge, Podzun-Verlag Brilon, ISBN 3-923448-28-7

Weiterblättern fördert dann Erstaunliches zutage: diese Wackenhut-Kabinen tauchen auch auf späteren Wagen auf! Zunächst auf dem LP 326, der 1956 den LP 315 ablöst und von diesem durch eine relativ zur Kabine weiter vorn angeordnete Vorderachse zu unterscheiden ist (hier ein Vergleichsbild: links LP 326, rechts LP 315) und dann auch noch auf dem dreiachsigen „Tatzelwurm“ LP 333 (hier mit „Schwalbennest“-Schlafkabine) und dem Sattelschlepper LPS 333! Damit dürften Wikings Modelle des LP(S) 333 diesbezüglich rehabilitiert sein.

LP 333 und LP 334 von Brekina im Vergleich. Die Unterschiede an Stoßstange, Scheinwerfern und Grill sind nicht typen-, sondern baujahresspezifisch: die rechte Version stellt die Baujahre ab 1961 dar, sprich: die letzten LP 333 sahen von vorn so aus wie das rechte Modell, die ersten LP 334 hingegen so wie das linke.  Leider lassen sich die Brekina-Hütten nicht ohne weiteres auf das jeweils andere Chassis umstecken: die Stoßstangen sind zwar angesetzt, die Kühlergrills aber am Chassis angespritzt.  Muß man auch nicht verstehen …
Bild: © Friedrich Auffenberg

Natürlich sind die Brekina- und BoS-Modelle der Dreiachser deswegen nicht falsch: die neuen, vermutlich von Mercedes selbst gebauten Kabinen gab es ja auch auf LP 333 wie LPS 333, ebenso wie auf deren zweiachsigen Nachfolgern LP(S) 334.  Auch als kurze Version selbstverständlich; leider hat Brekina nur die lange gemacht, und die kurze auf dem BoS-Modell des LPS 333 ist formal besonders im Grillbereich leider auch nicht sonderlich überzeugend ausgefallen.  Leider in die andere Richtung als bei Wiking, sprich: die Scheinwerfer sind dort noch kleiner, die horizontalen Zierleisten oben und unten am Grill noch gerader als bei Brekina.

Und dann gibt’s da ja noch Heicos leider nicht mehr erhältliche Metz-Drehleiter mit Staffelkabine (für Nicht-Feuerwehr-Nerds: „Doppelkabine“) mit einer bemerkenswert größeren, vielleicht aber auch angesichts des anderen Vorbilds korrekten Kabinenbreite und einer weiteren eigenen Interpretation des Grills … *seufz*

Heicos Löschfahrzeuge sind übrigens leichteren Vorbildwagen nachgebaut und nicht Gegenstand dieser Betrachtung.

Wikings je zwei Kabinen- und Chassisversionen, werkseitig kombinierbar wohl leider nur zu drei der vier möglichen Modelle — Kurzhütten-LPS 333 (und auch ebensolche LP 333) sollen nicht gehen, wie man liest.  Man beachte auch den schlecht eingepaßten Grill der (neuen) langen Kabine im Vergleich zum sauber passenden, da angespritzten solchen der (alten) kurzen.  Manche Hersteller werden ja mit den Jahren auch besser in sowas …
Bild: © Friedrich Auffenberg

Und was ist mit Wikings zweiachsigen Sattelzugmaschinen?  LPS 315 können das nicht sein, der hatte einen viel größeren vorderen Überhang.  Vom LP 326 gab es anscheinend keinen Sattelschlepper.  Und vom LPS 334 habe ich kein Bild mit Wackenhut-Kabine gefunden.  So kam ich zum auch hier voreilig kolportierten Schluß, daß Wiking da anscheinend nicht so genau hingesehen habe damals.

Tja — und dann stellte ich fest, daß es ja auch noch einen LP(S) 329 gab.  Vom Baumuster 326 unterscheidet der sich äußerlich nicht, er hatte nur anfangs noch den kleineren Motor vom LP(S) 315.  Wichtiger für uns: es gab ihn auch als Sattelschlepper und ebenfalls ab 1956, und die Kabinen stammten natürlich (und auch laut Regenberg) anfangs von Wackenhut — da haben wir ja unser Wiking-Vorbild!  Ich leiste hiermit öffentliche Abbitte für den Verdacht, daß Wiking da damals eine falsche oder untypische Kabine auf seinen Pullman-Sattelschlepper gebaut habe.

Das alte Wiking-Modell des LPS 329 mit kurzer Kabine. Links die ursprüngliche Version mit eingesetztem, gröberen Grill, aber dafür schön gerundeter Dachvorderkante, wie sie vor dem Formumbau erhältlich war; mittig und rechts die aktuelle Form mit feinerem, angravierten Grill und häßlicher Kante im Dach. Schade auch die bei der kurzen Kabine anscheinend auch heute noch fehlende Inneneinrichtung.  Irgendwas ist halt immer :-/
Bild: © Friedrich Auffenberg

Demnach hat also Wiking mit dem langen Wackenhut-Fahrerhaus sehr geschickt eine neue passende Kabine für den alten LPS 329 ebenso wie für die neuen LP 333 und LPS 333 konstruiert — man darf gespannt sein, ob noch ein zweiachsiges LKW-Chassis für beide Kabinen als LP 326/329 und/oder eine „Schwalbennest“-Kabine, auch für den LP 333, folgen wird. Beides wäre im Wiking-Programm sinnvoll zu verwenden und m.E. auch aus modellbauerischer Sicht zu begrüßen.

Wobei allerdings das Problem ist, daß auf die neuen LP(S)-333-Fahrwerke die alte, kurze Kabine gar nicht draufpassen soll — wie auch der schlecht passende, eingesetzte Grill der neuen, langen Kabine wäre das eine bemerkenswerte Kurzsichtigkeit in der Produktplanung, ganz ohne Wiking-Kritik kommt dieser Artikel halt dann doch nicht aus.  Aber ich werde diese These gelegentlich überprüfen, wenn die bestellten Wiking-Pullmänner hier mal vorliegen.  Und was nicht paßt, wird dann halt passend gemacht.

Antreten zum Hüttenvergleich. Man erkennt, daß die Wiking-Hütte zumindest nicht viel zu klein ist — minimale Maßabweichungen wären ja angesichts der verschiedenen Vorbilder ohnehin tolerabel.  Bei den Grills wird die Wahrheit wohl zwischen den beiden Umsetzungen von Wiking und Brekina liegen, die Abweichungen bei den Fenstern sind hingegen weitgehend vorbildgerecht. Zum Vergleich die Drehleiter von Heico, bei der man sich wohl nur darauf berufen kann, daß das eine extra breite und flache Metz-Kabine ist …  Hier nochmal eine Frontalansicht, bei der die Breitenunterschiede noch besser zu sehen sind.
Bild: © Friedrich Auffenberg

Trotzdem ist es aber erstmal höchst erfreulich, daß es überhaupt passende Kabinen für Mercedes-Pullman-Lastwagen der 50er Jahre gibt.  Was Wiking ab Werk an Varianten nicht hinkriegt — LP(S) 315, LP 326/329 als Pritschenwagen, LP(S) 333 mit kurzer Kabine und lange Kabinen mit spaltfrei eingesetzten Grills — bleibt dann halt wieder an uns Froklern hängen, wir sind es ja nicht anders gewohnt ;-)  Wenn man dann schon am Frokeln ist, kann man ja auch gleich berücksichtigen, daß LP(S) 333 wegen der geringeren Achslasten kleinere Räder hatten als die Zweiachser, was ja auch Brekina nicht gemerkt hat.

Abschließend noch der Maßvergleich: Zunächst zwei Skizzen von LP 333 und LPS 333, die ebenfalls deutlich die Wackenhut-Bauart mit hohen Seitenscheiben und niedriger Frontscheibe erkennen lassen. Das muß zwar nix heißen, Skizzen sind geduldig (und LP(S)-334-Skizzen sehen auch nicht anders aus), aber so hat man schon mal Vorbildmaße. Hier tabellarisch, mit freundlicherweise von Friedrich Auffenberg übermittelten Modellmaßen, alles natürlich in Millimetern und ohne Gewähr:

Maße LP(S) 333         1:1        1:87     Wiking     Brekina

Achsstand LP        1365+3835  15,7+44,1      ?      16,0+44,8
Achsstand LPS       2100+1400  24,1+16,1  25,0+16,0      -
Länge LP               8200      94,3         ?        89,4
Länge LPS              5820      66,9       65,0         -
Länge Kabine             ?         ?        25,3       25,0
Breite                 2400      27,6       27,8       27,8
Breite Kabine            ?         ?        24,7       27,1
Höhe                   2800      32,2       31,6       31,6
Höhe Kabine v.           ?         ?        22,0       21,0
Höhe Kabine h.           ?         ?        20,0       19,0

Wir erkennen: Die Wiking-Kabine ist etwas schmaler als die von Brekina.  Ob das jetzt so dramatisch ist, ist bis zur Ermittlung der Vorbildbreite(n) Geschmackssache — mir kommt Brekinas Hütte verglichen mit der Pritsche tatsächlich fast etwas breit vor, aber die Vorbildfotos sind da auch uneindeutig.  Und ob die Wackenhut-Kabine genauso breit war, sei ja auch noch dahingestellt.  Die restlichen Maßabweichungen halte ich für undramatisch; ob man jeweils den knappen Millimeter zuviel Achsstand bei Brekinas LP hinter der zweiten Vorderachse und bei Wikings LPS vor derselben heraussägen mag, muß jeder selber wissen.  Die Kabinenhöhendifferenzen sind auf jeden Fall dem höheren Dach der peltzerschen Wackenhut-Kabine geschuldet.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Besitzer des Wiking-LP 333 und Menschen, die Zugriff auf einen Vorbildwagen haben, deren mit Fragezeichen versehene Abmessungen ermitteln und hier in den Kommentaren mitteilen würden!

Vielen Dank an Friedrich Auffenberg für die Modellfotos und -maße!

4 Replies to “Mercedes LP(S) 333 oder Wikings Ehrenrettung”

  1. Danke für diese Betrachtung, der ich hinsichtlich der Vorbilder voll zustimme. Nur sind die Maße der WIKING-Seitenfenster auch für die Wackenhut-Kabine zu hoch. Das hintere Seitenfenster ist insgesamt zu groß, die Strukturstreben der Wackenhut-Kisten sind da nicht mehr unterzubringen. Aber aus 2m Abstand fällt das nicht auf. Wie man hört, verkaufen sich die Modelle weiter gut, auch der Henschel-Klumpen. Das soll so sein, ohne WIKING fehlte uns etwas.

    • Klar, perfekt ist die Wiking-Hütte keineswegs — trotzdem halte ich sie für eine erfreuliche Bereicherung des Angebots, auch weil sie es mir ermöglichen wird, Pullman-Frontlenker schon in meiner Leib- und Magen-Epoche 3a zu verwenden. Kleinere formale Unstimmigkeiten nehme ich da gern in Kauf.

      Liebe Grüße und danke für die Rückmeldung, Ermel.

  2. Hallo Ermel,

    vor vielen Jahren habe ich mich mal sehr intensiv mit den runden Fahrerhäusern der schweren LP-Typen beschäftigt.
    Standard war die „Werkskabine“ in kurzer oder langer Ausführung und nur in einer Höhe.
    Die Verbindung zwischen Wackenhut und Mercedes war recht innig.
    Auf allen schweren Typen gab es auf Wunsch und bis zum Schluß die „Luxuskabine“ von Wackenhut. „Serienmäßig“ bei dieser Kabine waren leicht um die Ecken gewölbte Frontscheiben mit dicker Profilleiste. Diese Frontscheiben gab es schon bei den „Luxuskabinen“ der schweren Haubenwagen L 6600 / L 315.

    Die „Luxuskabinen“ waren immer sehr individuell, mal mit hinteren Fenstern, mal ohne. Und sie boten mehr Innenraum, waren also auch höher. Nach Kundenwunsch gab es aber auch Zwischenlösungen, so z.B. die „Luxuskabine“ mit den serienmäßigen, planen Frontscheiben. Die Grenzen zur „Werkskabine“ waren fließend. In Mercedes-Prospekten waren sie aber nicht zu finden.

    „Werkskabinen“ hatten übrigens immer diese planen Frontscheiben, man kann sie sehr gut an den Spiegelungen erkennen. So gesehen war schon auf dem alten Wiking-Modell eine Wackenhut-„Luxuskabine“ aufgebaut.
    Aber wetten, dass wir uns alle schon mehr Gedanken gemacht haben und mehr in das Modell hineininterpretiert haben als der alte Peltzer…

    Aleksandra grüßt!

    Vielen Dank an Aleksandra für die Erlaubnis, diesen Kommentar von Mo87 hierher zu kopieren! (Anmerkung des Administrators)

  3. Man sollte sich dazu einmal bewusst machen, wie damals – 50er Jahre – noch gearbeitet wurde. Das ist von moderner Massenfertigung in der jedes Exemplar dem nächsten wie ein Ei einem anderen gleicht noch meilenweit entfernt. Da wurden Kabinen noch in Handarbeit gefertigt und Bleche von Hand gedengelt, besonderere Kundenwünsche zu berücksichtigen war kein Problem und wurde selbstverständlich gerne ausgeführt. Jüngere können sich das heute kaum vorstellen, und auch bei Älteren gerät es zunehmend in Vergessenheit.
    Was ich damit sagen will: es gab wahrscheinlich gar nicht die „Eine Richtige“ Pullman-Kabine, sondern eine gewisse Bandbreite von vermutlich hunderten Einzelstücken und Kleinstserien, auf den ersten Blick ähnlich, im Detail aber doch vielfach individuell mit leichten Unterschieden.
    Noch krasser ist das bei Omnibussen, einzig Bahn und Post haben seinerzeit größere Serien „gleicher“ Exemplare beschafft, aber die kleineren Unternehmen hatten überwiegend individuelle Einzelstücke. Weshalb es auch kaum vor allem Reisebusse aus der Zeit in heutiger „Grosserientechnik“ im Modell gibt, diese Einzelstücke geben schlicht nicht genügend Farbvarianten für eine lohnende Investition her (die von Wiking praktizierte „Stilisierung“ die die feinen Unterschiede verwischte wirkte dem natürlich entgegen, aber das ist uns heute ja nicht mehr präzise genug…).
    Vor diesem Hintergrund sehe ich mittlerweile die Möglichkeit, durch die verschiedenen Modellhersteller mit den ebenso leicht abweichenden aber ansonsten sehr ähnlichen Produkten auch genau diese Formvielfalt als eben sehr zeittypisch darstellen zu können, als recht willkommen an. Das Nachmessen an einzelnen erhaltenen Exemplaren und der Vergleich mit den Modellen erscheint mir da relativ müsig, das nächste Exemplar konnte ja schon wieder andere Maße aufweisen. Es ist prinzipiell auch viel einfacher nachzuweisen dass es eine bestimmte Form gegeben hat als dass es eine andere auf keinen Fall gegeben hat.
    Es bietet sich aber an, die Technologie des 3D-Druckes in naher Zukunft verstärkt zu nutzen, um damit ohne die Zwänge der wirtschaftlichen Serienproduktion in klassischer Spritzgusstechnik eine noch größere individuelle Vielfalt und so auch noch mehr (Form-) Varianten zu bekommen.

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