Die Bachert-Einzelkabine

Vor einem guten Jahrzehnt hat Wiking neue Formen für Magirus-Haubenwagen der leichten Baureihe (3500, 4500, Saturn, Mercur, Sirius etc.) gebaut.  Das ist grundsätzlich eine erfreuliche Entscheidung.  Leider war man aber schlecht beraten, was die Kabinenform angeht.

Links das zeitgenössische Wiking-Modell, rechts die moderne Interpretation. Wir erkennen: die neue Kabine ist viel zu breit und zu eckig (und hat aber wunderbar klare Fenster!).
Foto mit freundlicher Genehmigung von “U 406er”

Wie das kam, ist ausnahmsweise mal gut nachvollziehbar.  Das, und was man da frokeln kann, sei deswegen in diesem Beitrag beschrieben.  Wiking hat bei der Überarbeitung der leichten Rund- und Eckhauber mit der Nachbildung von Feuerwehrwagen begonnen und dabei offensichtlich statt eines der verbreiteten Vorbilder mit Magirus-Werkskabine ein solches mit einer selteneren Kabine des Vorbildherstellers Bachert nachgebaut (auch nicht 100%ig, aber “paßt schon!”).  Das ist jetzt nicht das Drama, man mag sich darüber sogar freuen: ein Bachert-Löschgruppenfahrzeug (LF) oder -Tanklöschfahrzeug (TLF) gab es bisher nicht in 1:87, und es ist eine subtile, aber willkommene Abwechslung zum ja nach wie vor sehr gelungenen Magirus-Aufbau aus dem Hause Preiser und dem gar nicht mal so schlechten gleichen Vorbilds, den Wiking damals gebaut hat, als die Vorbilder noch aktuell waren.

Auch hat Wiking diesmal zum ersten Mal überhaupt (!) den Unterschied zwischen der Gruppenkabine (“lange Doka”) des LF und der Staffelkabine (“normale Doka”) des TLF erkannt und beide herausgebracht — bisher gab es immer nur eine von beiden, was blöd war, wenn man einen typischen Löschzug wollte, denn dazu gehören eben LF und TLF.  Bis hierher also: Alles richtig gemacht.

Daß man bei Wiking die fürs TLF geschaffene Bachert-Staffelkabine auch für die Drehleiter (DL) verwendet hat, ist schon ein bißchen stirnrunzeliger: warum sollte eine Magirus-Drehleiter auf einem Magirus-Deutz-Fahrgestell eine Bachert-Kabine haben?  Aber okay, es gibt ja gerade bei der Feuerwehr fast nix, was es nicht gibt, und zwei fast gleiche Kabinen zu bauen macht wirtschaftlich keinen Sinn — das sehe sogar ich ein.

Nur leider hat man bei Wiking dann, als es an die Schaffung der Einzelkabine (bzw. auf feuerwehrsch: Truppkabine) ging, nicht aufgepaßt.  Da hat man sich wohl zu sehr darauf verlassen, daß Trupp-, Staffel- und Gruppenkabinen dieselbe Grundform haben.  Stimmt ja auch — bei Magirus: da sind die drei Kabinen bis zur Hinterkante der Vordertüren baugleich.  Und so hat Wiking es dann auch gemacht und eine “Bachert-Einzelkabine” gebaut.  Leider ohne Vorbild (falls doch wer eins weiß, bitte korrigiert mich), denn auch bei der Feuerwehr hat man als Truppkabine stets das viel günstigere serienmäßige Magirus-Fahrerhaus beschafft.

Links Brekina-, rechts Preiser-Modell der Magirus-Serienkabine. Das Bild stammt aus diesem Artikel.

Dumm gelaufen.

Was macht man nun also damit?  Die Modelle gibt es ja nun mal, und spätestens der dieser Tage angekündigte kleine Pritschenkipper macht auch große Beschaffungslust.  Natürlich kann man da ne Preiser- oder Brekina-Hütte drauffrokeln, und das wird hier sicher auch mal passieren, aber die Wiking-Kabinen in den Müll werfen?

Mit etwas gutem Willen nicht nötig.  Es gab ja auch Zivilfahrzeuge mit individuellen Kabinen.  Sicherlich keine Baustellenkipper, aber manche Anwendung bedingt halt auch besondere Anforderungen.  Beispiel: Müllwagen.  Die müssen mehr Leute mitnehmen als Baustellenkipper, und früher auch in noch größerem Maße als heute, hatten doch Mülltonnen damals keine Räder und waren aus Blech.  Mehr Müllmänner bedeutet aber auch: Größere Kabinen.

Haller-Müllaufbau auf Magirus Rundhauber mit vergrößerter Kabine.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Classic Refuse Trucks

Jedenfalls habe ich vor, diese “Bachert-Einzelkabinen” hinten ein wenig anzustückeln, so daß in etwa das entsteht, was im Bild oben zu sehen ist: keine hinteren Türen, aber eben auch die Rückwand nicht gleich hinter den Vordertüren, so daß dann auch Rücksitze hineinpassen — entweder quer oder als Bank mit allerdings wenig Knieraum, man kann sich da ja an der VW-Doppelkabine orientieren.  Der Einstieg nach hinten erfolgt durch die Beifahrertür und dann zwischen den Vordersitzen durch, beim Haubenwagen stört ja auch kein Motortunnel — das hat Mercedes bei serienmäßigen “Bremer”-Doppelkabinen in den 80ern noch so gemacht, die hintere Tür war ein Extra!  So kann der Wagen dann immerhin 5-6 Mann mitnehmen.

Modellbauerisch ist das keine große Herausforderung, denn die Bachert-Türen sind im Gegensatz zu denen der Magirus-Kabinen nahezu “platt wie eine Spindtür”.  Rückwand absägen, PS-Profilchen zwischen- und Rückwand wieder ankleben, spachteln, schleifen.  Kein Ding.  Been there, done that.

Haller-Müllaufbau auf unbekanntem Fahrgestell (ich tippe auf MAN) mit Doppelkabine. Auch farblich ein Vorbild für die Müllwagen Allenstedts!
Foto mit freundlicher Genehmigung von Classic Refuse Trucks

Und als Zugabe bau ich dann noch je einen Müllwagen und einen Straßenreinigungs-Kipper mit “richtiger” Doppelkabine, denn die beiden Wiking-Staffelkabinen, die ich hier mit Drehleitern herumliegen habe, können dann auch gleich mitverwurstet werden.  Für die Kipper gibt es Vorbilder, zum einen für die Grünflächenpflege und Straßenreinigung (mit dem Besen!) u.ä. natürlich, aber man hat damit (mit Planenaufbau!) damals auch gern Sperrmüll abgeholt — Müllwagen wurden erst in den 60ern so richtig zuverlässige “Allesfresser”.

Wozu ein Müllwagen eine Doppelkabine braucht?  Man kann sich das heute in Zeiten, wo die 240-Liter-Kunststoff-Rollmüllbehälter von den Anwohnern an die Straße gestellt werden, nicht mehr vorstellen, aber in früherer Zeit war es der Job der Müllmänner, die runden “Colonia-Tonnen” von ihrem Stellplatz zu holen.  Und diese Stellplätze waren z.T. buchstäblich unterirdisch — in Kellern und Schächten, auf Hinterhöfen ohne breite Zufahrt etc.  Da mußten Tonnen über steile Treppen und durch enge Flure bugsiert werden, und teilweise mußte ein “Aufschließer” vorweg eilen, denn natürlich waren die Zugänge versperrt.  Da sind auch mehr als sechs Mann gut beschäftigt, wenn der teure Wagen an der Straße nicht länger als nötig herumstehen soll!  Und dementsprechend ist zumindest der Allenstedter Müllwagen für die verwirrenderweise so genannte Neustadt, wo sich Hinterhaus hinter Hinterhaus schachtelt und die Bausubstanz stramm auf die 100 Jahre zugeht, eben ein Doppelkabiner.

Die Tonnenheber werde ich selber an die Brekina-Aufbauten frokeln müssen, die haben da einfach ein Loch, was zwar auch vorbildgerecht, aber nicht besonders rückenfreundich ist — das Amt für Stadtreinigung Allenstedt ist eine arbeitnehmerfreundliche Behörde und stets der Gesundheit seiner Mitarbeiter verpflichtet, jawohl!  Und da kann ich dann ja auch gleich einen Heber für die “Colonia-Tonnen” wie im Bild an den Wagen mit der Doppelkabine bauen — für die großen Gewerbemüll-Rollbehälter brauchte man, wie ich aus Videos inzwischen gelernt habe, weniger Männer, denn die muß man nicht aus Kellern oder Schächten hervorzerren, sondern nur eben über den Hof rollen, und deswegen genügt da die vergrößerte Einzelkabine völlig, ebenso wie für die Neubaugebiete, wo man natürlich schon auf besser zugängliche Mülltonnenstellplätze geachtet hat.  Und in den engen Gassen der Altstadt sind ohnehin ältere, kleinere Wagen unterwegs, aber zu denen mehr ein andermal.

Nochmal ein Magirus mit vergrößerter Kabine, diesmal mit einem etwas moderneren Magirus M 10-Aufbau, der aber wohl ebenfalls bei Haller hergestellt wurde.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Classic Refuse Trucks

Schon wieder ganz schön ausschweifend geworden, meine geplante kurze Idee zum Verwursten von Wikings “Bachert-Einzelkabine”.  Aber egal, so läuft das ja öfter im Modellbau: man sucht eigentlich nur ein Vorbildfoto als Ausrede für eine spinnerte Idee und findet ein ganzes Thema.  Deswegen liebe ich dieses Hobby ja so.

Und was macht man mit den komischen Wiking-Hütten, wenn man meine neugefundene Faszination nicht nachvollziehen kann und ergo keine Müllwagenmodelle braucht?  Dann sucht man sich ein Vorbild aus dem Fernverkehr mit Schlafkabine.  Da waren zwar meist die “dicken Eisen” unterwegs, bei Magirus also der S 6500 “Jupiter”, den Wiking ja auch schon als Fernlastzug mit Schlafkabine anbietet, aber es gab durchaus auch die leichteren Wagen in solchen Einsätzen.  Und wenn einem das auch nicht zusagt, kann man immer noch die Wiking-Kabine hinter und über den Türen aufschneiden und einen Kastenwagen bauen.  Oder einen Turmwagen — nu kuck, der ist sogar von Bachert, so schließt sich der Kreis.

Fortsetzung folgt — wenn ich genug (Brekina-) Müllaufbauten gesammelt habe und Wiking den Kipper ausgeliefert hat.  Komisch, jetzt freu ich mich da richtig drauf.

4 Replies to “Die Bachert-Einzelkabine”

  1. Hallo Erik,

    hab Dank für diesen Artikel. Mich interessieren ja Lkw der Epochen 3 und 4 sehr, deshalb habe ich auch Regenberg und Oswald hier liegen. Und jede Menge HiK und Last und Kraft. Aber der Feststellung, daß die Einzelkabine bei Wiking komisch aussieht, habe ich keinerlei gezielte nähere Recherche folgen lassen.

    Da bist Du konsequenter, und das schätze ich an Dir und Deiner Website. Die Anregung ist jedenfalls angekommen, da muß ich wohl auch mal tätig werden. Die Idee mit dem Kastenwagen – also das hat was.

    Gruß

    Stefan

  2. Neee, ne?

    Ermel schreibt über Müllwagen und Doppelkabinen – passt wie die berühmte Faust auf’s Auge … oder der Deckel auf die Tonne.

    Also … vor einiger Zeit kaufte ich ein “Bilderbuch” – da hat sich jemand die Mühe gemacht, alte Bilder aus meiner Heimatstadt Wunstorf zu sammeln, auszuwählen … eben ein Buch daraus zu machen (mehrere sogar). Und da steht ein alter Müllwagen mit Doppelkabine … “Wozu die?”, habe ich mich noch gefragt. Ist mir jetzt klar … Bildungsauftrag erfüllt! Leider kann ich das Foto hier nicht einfach so zeigen … schade.

    Aaaber: Das hat in mir gearbeitet. Als bekennender “Doppelkabinenfetischist” musste ich sowas haben. Ok, meine Schönauer Schleppbahn fährt irgendwo am Rande einer größeren österreichischen Stadt umher … vielleicht gab’s da auch sowas? Mal nachgefragt in einem Forum … und “Ne, sowas gab’s hier nicht” gelesen. Aber auch zwei Links auf Filme zum Thema “Mistkübler” bekommen … in denen man übrigens auch Müllwagen mit Doppelkabinen sieht. Passt also, wird gebaut!

    Warum ich das hier schreibe? Ich finde die Filme nett …
    http://mediawien-film.at/film/45/
    http://mediawien-film.at/film/260/

    Ah ja … zweiter Film, ab 1:50 :-)

    Grüße vom Nordwestbalkan!
    Harald

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